Das Wichtigste in Kürze:
- Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) NRW verglich Urinproben von Kindergartenkindern von 2017 und 2018 mit Proben von 2020 und 2021. Innerhalb von 3 Jahren stieg der Anteil der belasteten Proben auf mehr als das Doppelte.
- Bei Untersuchungen von Urinproben, die das LANUV NRW auswertete, stieg innerhalb von wenigen Jahren der Anteil der Proben, die mit einem verbotenen Weichmacher belastet waren, um mehr als das Doppelte.
- Kosmetikprodukte wie Sonnencreme, Anti-Aging-Produkte, Parfüms und Tagescremes können zur Belastung von Kindern und Erwachsenen mit dem verbotenen Weichmacher beitragen. Der UV-Filter DHHB, der in solchen Produkten verwendet wird, kann mit dem Weichmacher verunreinigt sein.
- Hautbedeckende Kleidung und das Meiden intensiver Sonnenstrahlung, etwa zur Mittagszeit, sind die wirkungsvollsten Methoden, sich vor der Sonne zu schützen. Sonnenschutzmittel sind als drittbeste Möglichkeit nur dort nötig, wo die Haut nicht durch Kleidung geschützt wird.
- Außerdem könnten auch Spielzeuge aus PVC, Kinderkleidung aus Asien oder Hausstaub möglicherweise zu einer Belastung beitragen.
Weichmacher bei Kindern und Erwachsenen nachgewiesen
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV NRW) verglich Urinproben von jeweils 250 Kindergartenkindern von 2017 und 2018 mit Proben von 2020 und 2021. Ergebnis: In vielen Urinproben wurde MnHexP (Monohexylphthalat) nachgewiesen. Der Anteil der Proben, die mit dem verbotenen Weichmacher MnHexP belastet waren, stieg in dem Zeitraum um mehr als das Doppelte.
MnHexP kann, wie viele andere Phthalat-Weichmacher auch, die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen, zu Fehlbildungen der Geschlechtsorgane führen oder sogar unfruchtbar machen. Außerdem kann er das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit erhöhen.
Im Vergleich haben sich die Messwerte bei den höchstbelasteten Kindern in etwa verzehnfacht. Bei der Auswertung zeigte sich eine Belastung in ganz Nordrhein-Westfalen. Lokale Ursachen können somit ausgeschlossen werden. In weiteren 250 Kinderurinproben von 2023 und 2024 wurde bei 55 Prozent der Proben MnHexP nachgewiesen. Weitere Informationen dazu finden Sie beim LANUV.
MnHexP war laut German Environmental Survey (GerES ) VI zwischen Mai 2023 und Juni 2024 in 29 Prozent der untersuchten Urinproben nachweisbar. Analysiert wurden etwa 1.600 Urinproben von Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren. Endergebnisse der Studie werden im Laufe des Jahres 2025 erwartet.
- Sonnencreme
Sowohl das Umweltbundesamt als auch das LANUV sehen einen Zusammenhang zwischen der gemessenen Belastung und der Verwendung von kosmetischen Sonnenschutzmitteln.
MnHexP kann im Körper unter anderem aus dem Weichmacher DnHexP (Dihexylphthalat) entstehen. In Kosmetik ist der Einsatz dieses Weichmachers verboten. Dieser kann auch als Nebenprodukt bei der Herstellung des UV-Filters DHHB (Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate) auftreten.
Die Zahl der Sonnenschutzmittel mit diesem UV-Filter stieg in den letzten Jahren stark an, weil einige Hersteller den in Verruf geratenen UV-Filter Oxybenzon durch DHHB ersetzten. DHHB kann in Sonnenschutzmitteln, auch in solchen für Babys und Kinder, in Gesichtscremes, Anti-Aging-Kosmetik und Parfüms enthalten sein.- Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen
Laut der Datenbank des Food Packaging Forums wurde DnHxP vor allem außerhalb der EU manchmal in Materialien mit Lebensmittelkontakt nachgewiesen, wie zum Beispiel in Verpackungsartikeln aus Polymilchsäure (PLA), in Klebeetiketten für Obst und Gemüse, in PET-Flaschen und Lebensmittelbehältern aus Polypropylen, Polystyrol und Papier.
- Hausstaub, Spielzeug aus PVC, Kinderkleidung aus Asien
Das Bundesinstitut für Risikobewertung ermittelt weitere mögliche Quellen wie
- Hausstaub
- Spielzeug aus PVC
- Kinderkleidung aus asiatischen Ländern für Vorschulkinder
Was kann ich als Verbraucher:in tun, um mich vor einer möglichen Belastung durch Weichmacher zu schützen?
Mit diesen Maßnahmen können Sie eine Belastung mit MnHexP oder anderen Phthalat-Weichmachern reduzieren:
- Eines vorweg: Sie sollten sich auf jeden Fall vor intensiver Sonnenstrahlung schützen. Das erreichen Sie sicherer und besser durch geeignete Kleidung als mit kosmetischen Sonnenschutzmitteln. Nur unbedeckte Hautflächen sollten Sie dann noch mit Sonnencreme schützen. Außerdem sollten Sie intensive Sonnenstrahlung rund um die Mittagszeit meiden. Weitere Informationen zu Sonnenschutzmitteln und Sonnenschutzbekleidung finden Sie in den verlinkten Beiträgen.
- Wenn Sie vorsorglich auf Sonnenschutzmittel mit DHHB verzichten möchten, achten Sie darauf, dass "Diethylamino Hydroxybenzoyl Hexyl Benzoate" in der Inhaltsstoffliste nicht genannt wird. Unter "Ingredients" müssen alle Inhaltsstoffe auf der Packung aufgelistet werden. In den Test-Tabellen der Stiftung Warentest erkennen Sie DHHB-haltige Sonnencremes an einem "j" in der Zeile "Sonnenschutzfilter".
- Verfolgen Sie die Tests der Stiftung Warentest und der Zeitschrift Öko-Test. So können Sie anhand der Ergebnisse gezielt Sonnenschutzmittel auswählen, die nicht mit dem Weichmacher verunreinigt sind.
- In zertifizierter Naturkosmetik sind organisch-chemische UV-Filter wie DHHB verboten. Welche davon einen guten UV-Schutz bieten, zeigen die Untersuchungen der Stiftung Warentest.
- Vermeiden Sie außerdem den Kunststoff Weich-PVC. Besonders Billig-Produkte aus Asien enthalten häufiger in der EU verbotene Weichmacher. Auf Online-Plattformen werden solche Produkte oft direkt von Händlern aus China angeboten.
- Weiches PVC wird zum Beispiel in Spielzeug sowie in Vinyltapeten und in elastischen Bodenbelägen verwendet.
- Lassen Sie Kinder nicht mit älterem Spielzeug aus weichem PVC spielen, da es noch bestimmte Phthalat-Weichmacher enthalten kann, die schon 2007 verboten wurden.
- Kaufen Sie möglichst unverarbeitete Lebensmittel und bereiten Sie diese selbst zu. Eine US-amerikanische Studie an 1.031 Schwangeren zeigte, dass ein hoher Verzehr von stark verarbeiteten Lebensmitteln und Fast-Food zu höheren Phthalat-Werten im Urin führte, wohin gegen ein hoher Verzehr gering verarbeiteter Lebensmittel zu niedrigeren Weichmacher-Werten führte. Die Weichmacher können bei der Verarbeitung oder durch die Verpackungen in die Lebensmittel gelangt sein.
Aktuelle Untersuchungen: Welche Produkte sind mit Weichmachern belastet, welche nicht?
Die chemischen Untersuchungsämter in Nordrhein-Westfalen untersuchten 42 Sonnenschutzmittel. Etwa drei Viertel der Sonnenschutzmittel enthielten den UV-Filter DHHB, sechs davon waren mit dem verbotenen Weichmacher verunreinigt.
Das Chemische Untersuchungsamt Karlsruhe untersuchte 57 Sonnenschutzprodukte aus den Jahren 2020 bis 2023 und wies in 21 Proben den verbotenen Weichmacher nach. Da die betroffenen Sonnencremes im Untersuchungsbericht nicht genannt wurden, können Verbraucher:innen nicht erkennen, welche Produkte aus dem Vorjahr mit DnHexP belastet sind.
Öko-Test untersuchte 2024 Sonnencremes für Kinder auf verbotene Weichmacher und speziell auf DnHexP. In vier von elf Sonnencremes mit dem UV-Filter DHHB war die verbotene Substanz zum Teil nur in Spuren nachweisbar. Die Stiftung Warentest ließ 2024 Sonnenschutzmittel für Erwachsene prüfen und wies in vier Produkten DnHexP nach.
Was sagen die gemessenen Werte von MnHexP über mögliche Gesundheitsrisiken aus?
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) veröffentlichte im März 2024 eine Stellungnahme zu den im Urin gemessenen Werten und sieht "keinen Anlass für eine erhöhte Besorgnis".
Das BfR wertete weitere Tierversuchsstudien zu DnHexP aus und leitete daraus einen Wert für die vorläufige tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI) für den Menschen ab. Daraus ergab sich, dass der vorläufige TDI bei den betroffenen Kindern und Erwachsenen zwar nur zu einem sehr geringen Teil ausgeschöpft wird. Dennoch wird MnHexP als Substanz eingestuft, die wegen ihrer fortpflanzungsgefährdenden Wirkung nicht im Körper vorhanden sein sollte.
Die derzeit vorliegende Gesamtbelastung der Bevölkerung mit unterschiedlichen Phthalat-Weichmachern und anderen hormonsystemschädigenden Stoffen wurde weder bei der Bewertung durch das BfR noch bei der Einordnung anhand des neu abgeleiteten gesundheitlichen Beurteilungswerts berücksichtigt.
Studien an großen Bevölkerungsgruppen und Tierversuche zeigen aber, dass es nicht ausreicht, nur einen einzigen Weichmacher zu betrachten, sondern dass sich die schädlichen Effekte einiger Phthalate-Weichmacher summieren können. So ergab eine Studie von 2022, dass für 17 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen bereits das Risiko einer Gesundheitsschädigung besteht, wenn man nicht nur einen einzelnen Phthalat-Weichmacher, sondern die Gesamtbelastung mit fünf Weichmachern betrachtet.